Details zum Hintergrund des Projektes

Das geplante Projekt verfolgt das Ziel, einen Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Wissens-, Wissenschafts- und Wissenschaftsgeschichtsforschung zu leisten, indem es die Grundgestalt der Disziplin im Spiegel ihrer Lehr-, Einführungs- und Grundwissen-Schriften in fünf wissensgeschichtlichen Querschnitten vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zum Jahr 2000 rekonstruiert und analysiert. Im Fokus stehen die erziehungswissenschaftlichen Sinnwelten, die durch die institutionalisierten bzw. institutionalisierenden Wissens-Ordnungen im Rahmen solcher Publikationen entstehen, die den Anspruch haben, ‚die‘ wissenschaftliche Pädagogik bzw. schließlich universitär etablierte Erziehungswissenschaft in ihrer Gänze als ‚Grundriss‘ bzw. Sammlung von ‚Grundwissen‘ abzubilden und zu vermitteln.

Erziehungswissenschaftliches Wissen vor 1800?

Was als wissenschaftliche Pädagogik respektive Erziehungswissenschaft gefasst wird, wird in der Kombination zweier Positionen deutlich: Ausgangspunkt ist

a) die Qualifikation von Wissen als wissenschaftlichpädagogisches respektive erziehungswissenschaftliches über die Etablierung der wissenschaftlichen Pädagogik und/oder Erziehungswissenschaft als Universitätsdisziplin einerseits (vgl. Horn 2003); andererseits

b) die Qualifikation von Wissen als Wissen, das sich als „einzelwissenschaftliche, hier: erziehungswissenschaftliche, Erkenntnis qualifizieren will, und zwar im Blick auf seine eigene theoretische Geschichtlichkeit und disziplinäre Zurechenbarkeit“ (Tenorth 2017:37), was dann quasi-erziehungswissenschaftliche Wissensbestände markiert, die „schon seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert in einer auch geltungstheoretisch relevanten Differenz existieren, dass also nicht erst seit dem frühen 20. Jahrhundert der Begriff ‚Erziehungswissenschaft‘ Konfrontationslinien markiert“ (Tenorth 2017:38).

Insbesondere Lehr- und Einführungsbücher der bzw. in die Pädagogik / Erziehungswissenschaft, ‚Geschichten der Pädagogik‘ und ‚Klassiker der Pädagogik‘ sind hinsichtlich der Frage(n) von besonderem Interesse, wie die jeweilige Perspektive beschrieben, die Themen- und Wissens-Auswahl legitimiert, ein Abbild der Erziehungswissenschaft im ‚Kleinen‘ inszeniert und die Publikationen in den (vor-)disziplinären und universitären Kontext eingebettet werden. Die Publikationen (bzw. ihre Autoren und Autorinnen) repräsentieren dabei – in der jeweiligen Momentaufnahme – sowohl ein verdichtetes Disziplin-Verständnis als auch ein Disziplin-Verhältnis, deren Rekonstruktion Einsichten in die disziplinäre Identität der Erziehungswissenschaft bietet. Diese Selbstverortungen finden ihren Niederschlag implizit wie explizit in den Vorworten und Einleitungen der Publikationen, in den dargebotenen Systematiken und Semantiken sowie in den Referenzen, die im Rahmen der Publikation gesetzt werden – beide Datentypen bilden die Hauptgrundlage der Analysen im Rahmen von EWiG.

Hand- und Lehrbücher aus wissenschaftstheoretischer Perspektive

Werke aus dem Genre der ‚Grundwissen-Literatur‘ spiegeln die ‚Wirklichkeit‘ der Erziehungswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin (zu einem bestimmten Zeitpunkt) dadurch wieder, dass sie – per definitionem – ein System voraussetzen, „das erklärt und in das eingeführt werden kann“ (Lassahn 2000:7). Das „geronnene Wissen“ (Kempka 2015:125), das dieses Genre ausmacht, konstituiert damit in Anlehnung an Ludwik Fleck (1935) den „‘state of the art‘ der jeweiligen Fachdisziplin“ (Vogel 2015:143) und das jeweilige wissenschaftliche „Weltbild (als Sammelbegriff für Wissensbestände und deren Ordnung, disziplinäre Urteilsregeln, Wahrheitskriterien und Relevanzannahmen) […] zu einem bestimmten Zeitpunkt“ (Vogel 2015:143). Diese Eigenschaften (also die Definition und Vermittlung erziehungswissenschaftlichen ‚Grundwissens‘ und, dadurch, die Konstitution spezifischer Logiken, Relevanzen und Denksysteme) treffen nun nicht nur auf erziehungswissenschaftliche Einführungsliteratur zu, also auf ein Genre, das sich ganz explizit an ‚Einzuführende‘ (z.B. im Rahmen eines erziehungswissenschaftlichen Studiums) richtet, sondern in besonderem Maße auch auf Schriften, die jenseits eines expliziten Lehrbuchcharakters „Orientierung“ (März 1965) versprechen, einen „Grundriss“ (Derbolav 1987) entwerfen oder das „Denken“ (Zierer 2007) innerhalb pädagogischer Horizonte beschreiben.

Hand- und Lehrbücher nehmen in Flecks wissenschaftstheoretischem Entwurf eine besondere Position ein: er „versteht die Lehrbücher, durch die die Initiation in ein Gebiet erfolgt, geradezu als eine Institution des Forscherkollektivs und widmet ihrer Analyse entsprechende Aufmerksamkeit“ (Schäfer & Schnelle 1980:XXXIV). Nach Fleck ist „jede didaktische Einführung […] wörtlich eine Hinein-Führung, ein sanfter Zwang“ (Fleck 1935/1980:137) in ein Wissenschaftsgebiet:

„Das Handbuch entsteht […] nicht einfach durch Summation oder Aneinanderreihung einzelner Zeitschriftenarbeiten […]. Ein Handbuch entsteht aus den einzelnen Arbeiten wie ein Mosaik aus vielen farbigen Steinchen: durch Auswahl und geordnete Zusammenstellung. Der Plan, dem gemäß die Auswahl und Zusammenstellung geschieht, bildet dann die Richtungslinien späterer Forschung: er entscheidet, was als Grundbegriff zu gelten habe, welche Methoden lobenswert heißen, welche Richtungen vielversprechend erscheinen, welchen Forschern ein Rang zukomme und welche einfach der Vergessenheit anheimfallen.“ (Fleck 1935/1980:158)

Die Transformation von Wissensbeständen in die „kollektive, allgemeingültige Handbuchwissenschaft“ (Fleck 1935/1980:158-159) hat zur Folge, dass eine Aussage „viel gewichtiger, viel bewiesener als in der fragmentarischen Zeitschrift-Darstellung“ (Fleck 1935/1980:160) erscheint und zum Denkzwang mutiert (vgl. ebd.). Die „Darstellung in einem geordneten Gesamtsystem, in dem die Individualität verschwindet und vom Pathos der unpersönlichen, gesicherten Aussage lebt“ (Schäfer & Schnelle 1980:XLI) schafft eine andere, an Indoktrination erinnernde (vgl. Schäfer & Schnelle 1980:XXXVI) Atmosphäre als ungeordnetes Wissen.

Hand- und Lehrbücher sind also dadurch ein besonderer Publikationstypus, dass sie dem Anspruch nach ein in sich logisches Gesamtbild der Wissenschaftsdisziplin zeichnen, indem sie einen Grundriss des wissenschaftlichen Feldes über die Setzung und Sortierung von Relevantem und Irrelevantem, Wissenswertem und Vernachlässigbarem entwerfen. Dadurch passiert zweierlei: Als wissenswerte und maßgebliche deklarierte Wissensbestände werden verdichtet und schaffen für nachfolgende Forscher*innengenerationen Tatsachen:

„Es scheint, daß Fleck der erste war, der die Bedeutung der Ausbildung der jungen Wissenschaftler für die Analyse der Struktur der Forschergemeinschaft erkannt und ausgewertet hat. Über die Einführung in ein Arbeitsgebiet läßt sich am ehesten erschließen, wie ein Denkstil funktioniert: Mitgliedschaft und Identität, Arbeitsweise und Problemstellung, theoretisches Rüstzeug und experimentelle Verwendung bilden sich aus bzw. werden erworben in der konkreten Ausbildungsphase des Vor- und Nachmachens exemplarischer Leistungen.“ (Schäfer & Schnelle 1980:XXXIV)

EWiG: Ziele des Projektes

Einführungsschriften, Klassiker und Geschichten der Pädagogik sollen in ihrer Funktion als Wissensspeicher und Narrative pädagogischer / erziehungswissenschaftlicher Wissensgeschichte rekonstruiert und analysiert werden. Im Projekt EWiG stehen daher zwei Datentypen besonders im Vordergrund: Die Vorworte der Werke sowie die Referenzen, die innerhalb der Werke gesetzt werden (ob im Fließtext des Dokumentes oder im Rahmen eines Literaturverzeichnisses).

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Literatur

Fleck, Ludwik (1935/1980): Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Kempka, Andreas (2015): Lehrbücher der Pädagogik. Exemplarische Möglichkeiten der bibliometrischen Analyse. In: Peter Kauder und Peter Vogel (Hrsg.): Lehrbücher der Erziehungswissenschaft – ein Spiegel der Disziplin? Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 123–138.

Schäfer, Lothar / Schnelle, Thomas (1980): Ludwik Flecks Begründung der soziologischen Betrachtungsweise in der Wissenschaftstheorie. In: Lothar Schäfer und Thomas Schnelle (Hrsg.): Ludwik Fleck. Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. VII-XLIX.

Tenorth, Heinz-Elmar (2017): „Erziehungswissenschaft“ – oder: Der Ort des Erkenntnisfortschritts im pädagogischen Wissen. In: Rucker, Thomas (Hrsg.): Erkenntnisfortschritt (in) der Erziehungswissenschaft – Lernt die Disziplin? Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 35-51.

Vogel, Peter (2015): Die Rolle der Lehrbücher innerhalb der „Lehrgestalt“ der Erziehungswissenschaft – eine Problemskizze. In: Peter Kauder und Peter Vogel (Hrsg.): Lehrbücher der Erziehungswissenschaft – ein Spiegel der Disziplin? Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 143–157.

Quellen

Derbolav, Josef (1987): Grundriß einer Gesamtpädagogik. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Diesterweg.

März, Fritz (1965): Einführung in die Pädagogik. Sechs Kapitel zur Orientierung in der pädagogischen Wirklichkeit. München: Kösel-Verlag.

Zierer, Klaus (2012): Conditio Humana. Eine Einführung in pädagogisches Denken und Handeln. 3., überarb. Aufl. Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren.

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